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Restaurant Wielandshöhe
- Vincent Klink -
Alte Weinsteige 71
D-70597 Stuttgart-Degerloch

Sonntag und Montag Ruhetag

Küche
12.00-14.00  18.00-21.00

Keine Kochkurse

 

29.März 2008
Wen treffe ich im Fleischhandel bei der Mega? Meinen alten Freund Rolf Scheuing aus Lorch. Seit dreissig Jahren kenne ich ihn. In Schwäbisch Gmünd hat er mich Jahrzehnte lang beliefert. Ein Supermetzger, der mit seinen Auszeichnungen Turnhallen hätte bepflastern könnte. Auch er hat seinen Betrieb aufgegeben und ist zur Mega. Er hätte nach den neuen EU-Richtlinien ein Schlachthaus bauen müssen das noch seine Enkel verschuldet hätte. Ich weiß auch nicht, kenne mich dem der EU nicht richtig aus. Was ich aber sehe, das ist das sterben der Kleinbetriebe. Irgendwann sind nur noch die Multis am Start, und die diktieren dann die Preise, also ähnlich wie heute das russische Gas sich

28. März 2008
Eine Zuschrift bekam ich, wegen dem Fleisch. Wieso es vom Schlachthof Göppingen kommt und nicht von den kleinen Albbäuerlein. Ganz so romantisch ist die Welt nichtmehr seit die EU knallharte Hygienegesetz erlassen hat. auf dem Land darf nur noch in Ausnahmen geschlachtet werden. Das Albbäuerlein muss sein nach Göppingen schaffen. Deshalb kaufen wir dort ein, haben Zugriff auf eine große Auswahl. Insgesamt haben wir nun eine Fleischqualität, die ich früher auch hatte aber immer wieder war ein Flop darunter und da konnte man den kleinen Landmetzger auch nicht hängen lassen und hat halt den zähen Ochsen doch irgendwie verkocht. Das ist nun vorbei und darüber bin ich sehr glücklich.

Rind, Kalb

25. März 2008
Die Mega in Stuttgart, das ist eine sehr leistungsfähige Firma, die in Göppingen auch den Schlachthof betreibt (www.staufenfleisch.de).

Nun kann die Wielandshöhe unter unzähligen geschlachteten Tieren die besten aussuchen, das war bei kleinen Metzgern nicht möglich. Wir greifen uns das fette, stark marmorierte Fleisch, das in den Metzgerläden wegen Fettangst kaum zu verkaufen ist. Auf jedem Stück ist die Herkunft und der Bauernhof mit amtlichen Zetteln dokumentiert.

Kälber (rechts im Bild) mit nur 80 kg werden kaum gehandelt. Das sind Raritäten und die Metzger vor Ort halten für uns Ausschau. Heute bestellte ich eine fette Sau, nicht nur mit Fett gedeckt sondern, auch im Muskelfleisch ordentlich verteilt. So etwas kann man nicht einfach einfordern, sondern wir erteilen den Auftrag und lassen den Metzgern freie Hand: Haltet Ausschau und wenn Ihr fündig werdet, dann sackt es für mich ein.

Seit 14 Tagen reift hier das Fleisch in der großen, gut gelüfteten Kühlhalle. Eine Woche noch und dann ist es auf der Karte. Wer solch unvakuumiertes Fleisch mal gegessen hat vergisst das nie wieder. Wir haben unter den Gästen mittlerweile Vegetarier, die nur bei uns Fleisch Essen.

Karfreitag 21. März 2008
Mit der klassenlosen Gesellschaft, das hat ja hinten und vorne nicht geklappt. Auch unter Zwang hat man die Leute nicht auf ein einheitliches Niveau gebracht und ohne schon gleich gar nicht. Es gibt vielerlei Klassenunterschiede. Für mich als Koch ist die Nahrungsaufnahme relevant. Bisher dachte ich, die Bevölkerung teile sich in solche, denen Essen etwas bedeutet und solche denen das wurscht ist. Ganz klar, jeder gibt sein Geld für das aus was ihm wichtig ist, der eine braucht ein tiefer gelegte Karre, der andere eine hoch gehängte Genusswelt, oder zumindest ist ihm sein Salatöl wichtiger als das Öl fürs Auto.
Ganz klar, es gibt auch einen Teil der Bevölkerung, die können gar nicht wählen, weil es am Nötigsten mangelt.

Die anderen aber, die mit Überlegung essen, die teilen sich mittlerweile auch. Einerseits in Genießer, die noch ein gewisses Gefühl für Natur haben und eine ungefähre Ahnung verspüren was ihnen guttut. Die anderen aber, die missbrauchen Ihren Gaumen für Trends, Hypes, und gesellschaftliche Fallhöhe. Verbogene Esser. Egal, wir sind ein freies Land.

Trotzdem, kaum zu glauben, aber wahr: Es gibt Köche die sind so weit von der Natur entfernt, dass es besser wäre sie hätten bei BAYER oder der BASF angeheuert. Da kauft sich der oft gedankenlose Kollege ein El-Bulli-Starter-Kit und dann geht’s los mit Stickstoff, Knallbrause, Glyzerinen, Alginat, Xanthan, Carageen, Methylcellulose, Granulate, Albumin, Sprudelmittel, Calciumgluconat, Calciumchlorid, Marzipan-Schminkfarben, Transglutaminase, Zuckeresther, undsoweiter. Das alles kann man beim Spezialitätenhändler www.bosfood.de kaufen. Eine CD gibt’s auch dazu , damit man alles dem spanischen Meister abkupfern kann, auch dann wenn man eine Leseschwäche hat.

Eigentlich könnte mir das egal sein, aber ich bin noch irgendwie romantisch mit dem ursprünglichen Kochethos verwurzelt. So begeistere mich für beispielsweise für die chinesische Berufsauffassung, die im Koch auch gleich den Arzt sieht.

Übrigens: Nichts gegen die Firma Bosfood. Toller Laden. Besuchen Sie unbedingt die Homepage. Ich bin dort Großkunde, denn ich kenne keine Feinkostfirma mit solch riesigem Angebot in Topqualität. Und weil wir ein freies Land sind, können Köche dort auch ihren Chemiebaukasten kaufen.

Frosch

20. März 2008
Manchmal ist meine Situation schwierig. Ich kann nicht einfach machen was ich will.

Im Elsass kenne ich ein Quelle, da gibt es prima Froschschenkel zu kaufen. Die Leute versprachen mir, dass die Tiere “human” geschlachtet wurden. Mit einem Stromstoß. Mit Menschen macht man ja so etwas in Amerika, aber auch für Frösche ist das nicht rundweg okay. Also habe ich eine Riesenportion mit fulminanter Ladung Knoblauch vertilgt, und richtiggehend geschwelgt. Als ich satt war, kam das schlechte Gewissen. “Das mache ich nie wieder!” rief ich Richtung Vogesen. Na ja, bis zum nächstenmal.

In der Küche der “Wielandshöhe” sind Frösche tabu. Ein solches Gericht kann ich mir dort überhaupt nicht leisten, meine Frau würde mir die Bratpfanne auf den Kopf hauen. Übrigens: “Meine Frau hat immer Recht!”

18. März 2008
Was mir so richtig auf die Nerven geht?
Das sind Weine aus Deutschland, die 13% bis 14% Prozent Alkohol haben. Wenn man bedenkt, dass Portwein 16% hat, dann greift  man sich an den Kopf. Nichts gegen Barolos und diverse Côtes du Rhone. Diese Weine sind trotzdem bekömmlich, weil sie über genügend Tannine und Extrakte verfügen. Bordeauxweine, die mit 12,5 % Kraft und Finesse haben, werden jedoch auch immer seltener.

Ich kann mir einen Reim darauf machen woher das alles kommt. Alle Welt trinkt glasweise den Wein im Fingerhutbereich. Da muss der erste Schluck schon voll und angenehm den Mund erobern, da beim zweiten Schluck das Glas bereits leer ist. Wirklich guter Wein ist selten anschmeisserisch, sondern bietet Widerstand. Schluck für Schluck erschließt er sich. Deshalb bestelle ich nie glasweise, sondern eine Flasche. Mache ich das mit einem Deutschen Vierzehnprozenter Spätburgunder oder Lemberger etc., so ist mir nach dem zweiten Glas schlecht. Mit den von Idioten gekelterten, auf den Ami-Markt schielenden Cabernet-Toskanern geht es mir genauso.

17. März 2008
Kürzlich band ich mir die Schürze um. Sie umgab mich wie ein Betonrohr. Im Lokal schepperte es bei jedem Schritt, als würde man mit Sperrholz herumkloppen. Die Wäsche war bretthart gestärkt und ich rief die Wäscherei an, sie solle doch bitte die wertvolle Stärke nicht an mir verschwenden.

Dann erinnerte ich mich an einen Restaurantbesuch bei einem Italiener. Dort waren die Servietten selbst gewaschen und ungestärkt gebügelt. Nie habe ich mir meinen Mund angenehmer abgewischt. Mir ging ein Licht auf. Meine Gäste sollen sich in Zukunft nicht die Lippen an perfekt gestärkten und gebügelten Lippen aufreissen. Finito, es wird nicht mehr gestärkt. Damit sind wir etwas ausserhalb der zentraleuropäischen Vorstellung, dass Hochkultur unbedingt weh tun muss. Muss sie nämlich nicht, wenn man seinem gesunden Menschenverstand folgt.

15. März 2008
Hätte ich einen normalen Privathaushalt, nicht meine Metzgersausbildung, meinen Kochberuf und all die Vorraussetzungen, die mir den Überblick geben, wäre ich wahrscheinlich Zwangsvegetarier.

Beim Kalbfleisch lasse ich mich auf gar nichts mehr ein. Immer wieder wurde versucht mir irgendwelches Mastfleisch unterzujubeln. Damit ist jetzt ein für allemal Schluss. Wir haben nun ein ganzes Kalb bestellt. 80 kg, schwerer will ich es nicht haben. Kürzlich sprach ich mit einem Metzger, der behauptete das würde es gar nicht geben. Ich weiß wo ich so etwas herkriege und ich will es nicht zerteilt, denn nur so kann ich wirklich die Qualität beurteilen. Nun habe ich auch die Papiere, kenne die Adresse des Bauern, u.s.w..

Wir haben das Champagnerkühlhaus ausgeräumt und dort die Haken angebracht um unsere ganzen Tiere abzuhängen. Die Kühlhaustüre darf nämlich nicht wie beim normalen Versorgungskühlraum ständig geöffnet werden, denn mit jedem Öffnen dringt Feuchtigkeit in den Raum und kondensiert auf dem Fleisch. Das ist gar nicht gut, denn es wird dadurch schmierig.

Die Leber haben wir heute auf die Karte genommen, morgen gibt es Salat von Kalbszunge und rosa gebratenem Herz. 

9. März 2008
Wir Deutschen haben eine Nationalkrankheit, wie jedes andere Land auch. Die Franzosen achten sehr auf ihre Leber, die Italiener haben es dauernd mit dem “stomaccho”, also dem Magen, die Amis tauschen sich die Adressen von Therapeuten aus.

Die Deutschen machen einen ständigen Bohei über Ihre Herzkranzgefäße, Blutdruck, kurzum Gefäßkrankheiten. Eine zweite Krankheit haben wir Deutschen auch. Schon ziemlich lange. Schon Tucholsky klagte über die Angewohnheit, dass ein Deutscher, wenn er hinfällt, nicht aufsteht. Nein, er schaut sich um und versucht einen Schadenersatzpflichtigen auszumachen.

Seit Tucholsky ist die Dekadenz weiter fortgeschritten. Sie äußert sich durch den Umstand, dass  nicht mehr das Handeln favorisiert wird, sondern das oft ängstliche Abwarten. Die wichtige Frage, “Was werden wir tun?” wird durch zauderndes Horchen in die Zukunft überlagert: “Was wird uns passieren? Wie kann ich mich Absichern, Wie kann ich die Verantwortung minimieren.” So oder ähnlich sackt man langsam in die Agonie, die, wenn ich an die Politik denke, durch lautes Gebellt und Getöße verschleiert wird. Übrigens lautes Gebell: so hören sich Bundestagsdebatten an. Das ist verdächtig, denn eine wirklich gute Idee braucht keine Böller um beachtet zu werden. 

lennie Menü

8. März 2008
Zwei junge Herren, 9 und 10 Jahre alt dinieren eineinhalb Stunden und fühlen sich pudelwohl.
 
Spaß und die gute Laune wundern nicht: es sind nämlich keine nervenden Eltern dabei. So jedenfalls die Aussage der zwei Herren.

2. März 2008
kaum zu glauben, dass ich das noch erleben darf.
In Stuttgart schlängelt sich die Neue Weinsteige von Degerloch ins Zentrum. An der U-Bahnstation Dobelstraße biegt die Dobelstraße ab. Genau an der Abzweigung hat ein junges Paar ein Restaurant eröffnet. Sie bedient und er kocht. Kräuter-Meerrettichmousse mit Roten Beten und einer Gemüsevinagrette, Kraftbrühe mit gefülltem Flädle, Perlhuhnbrust mit Kräutersoße, Nudeln und Karotten, Lammkeule mit Kartoffelgratin. Alles war sehr, sehr gut zubereitet. Richtig erfreut hat mich das Fehlen allen überflüssigen Lamettas, den Gekruspel auf dem Teller, jegliches Fehlen von Nonsens, Soßenpünktchen und sonstiges Tellerpainting. Gute Köche gibt es immer mehr, aber dieser, der hat wirklich seinen Kopf gut sortiert. Es kommt nicht nur darauf an, ob man gut kocht, sondern auf die Dauer ist die “Haltung”, Geradlinigkeit für den geschäftlichen Erfolg wichtig. Im “Tafelberg” ist das so.

Mit Frau, zwei Flaschen Grünem Veltliner war der Abend allerdings skandalös preiswert. Die Vorspeise kostete 4,50 und beispielsweise die Perlhuhnbrust 13.50. Liebe Kollegen ich muss warnen. Die Kalkulation mag grob besehen stimmen. Die Warenkosten sind aber nicht das Problem, sondern all die Abgaben, an die kein Mensch denkt, wenn er den Laden aufmacht. Ihr müsst Geld auf die Seite schaffen. Am Anfang muss man keine Steuern zahlen, aber die Keule kommt garantiert. Tja, und dann ist jeder Cent investiert und der Jammer groß.
Restaurant Tafelberg, Nina u. Florian Ruisinger, Dobelstr. 2, 0711-51890268
www.tafelberg-stuttgart.de Nichts wie hin, nicht weil es so billig ist, verdammt, nein, sondern weil es so dort gut schmeckt.

1. März 2008

Der Samstag des Häuptlings
Ich hasse Nellingen, ein Sammelsurium, das sich unter die Fuchtel des Ortschaftskonglomerats Ostfildern begeben hat. Sie können nichts dafür, die Nellinger. Oder doch? Jedenfalls fahre ich an der richtigen Ausfahrt zehn Minuten vom Flughafen Stuttgart von der Autobahn ab. Rechts geht es weiter nach Esslingen und sonstwas, links nach Neuhausen auf den Fildern und in andere, vom Begriff Filderstadt okkupierte Orte. Nellingen ist nicht genannt. Und das lassen sich die Nellinger bieten? Schön blöd! Deshalb sind sie schuldig, absolut, in vollem Umfang schuldig. Denn rechts abgebogen wäre ich in drei Minuten mitten im Ort gewesen. Doch ich biege links ab, Richtung Neuhausen. Dann kommt der Blizzard, ein Orkan mit allem, was die entfesselte Natur so zu bieten hat. Und das Auto ist eine Scheißkarre, die Windschutzscheibe trüb wie Milchglas. Diese Krücke hat mir meine Werkstatt hingestellt, weil mein kleiner Rennpolo einen Kundendienst benötigte.

Ich gurke in der Gegend herum, und nirgends erscheint auf den gelben Hinweistafeln das mich erlösende Wörtchen „Nellingen“. Ich will eine Lady am Wegesrand fragen, aber die Fensterscheibe geht nicht runter. Kaputt. Also wird die Türe aufgerissen. Und die Frau denkt, ich will sie anfallen. „Nellingen? Ja, immer weiter.“ Das Benzin wird knapp. Das Auto hatte mir die Werkstatt - Kumpel von mir, den ich nächstens würge - so hingestellt, dass ich schon in Stuttgart auf „Reserve“ losgefahren war.
Weiter geht’s und tatsächlich kommt ein Schild mit Nellingen-Parkstadt. Dort ist eine Turnhalle ausgewiesen, aber ich muss zur Stadthalle, in der auch eine Turnhalle sein soll. Weitergurken, mit dem Handy rufe ich den Typen an, den ich bei der Stadthalle treffen soll: „Wieviele verdammte Nellingen gibt es?“ Ich sehe Nellingen-Scharnhausen, Nellingen-Parkstadt, Nellingen-Sonstwas durch die total beschlagenen Scheiben. Stadthalle? Fehlanzeige. Mittlerweile regnet es wie verrückt - Sturmtief „Emma“ läuft zu Form auf. (Beschissene Wetterlagen werden, glaube ich, immer nach Frauen benannt.) Fahren, fahren, fahren, und ich mache mir Sorgen wegen des Sprits. Mein Sohn muss um neun Uhr in Nellingen in der Stadthalle abgegeben werden. Dort ist ein Ausscheidungsspiel im Regionalfußball. Da! Ein Schild mit „Nellingen Zentrum“. Steuer rumgerissen und mit Vollgas durch die Pfützen. „Oha“, endlich sehe ich das so ersehnte Schild „Stadthalle“. Also, über den Bahnübergang und direkt davor geparkt.

Verdammt! Hier ist nix mit Sport, Sporthalle oder sonstigen Einrichtungen für Leibesübungen. Diese Stadthalle ist eine Kneipe mit Einkaufszentrum. Ich frage einige Leute nach der Sporthalle. „Ha, des isch schwierig.“ „Welche moinet sie?“ „Mir habe hier drei verschiedene!“

Also gut, dann eben losgehetzt und alle abgeklappert. Wir landen in einem Schulzentrum von Ausmaßen, gegen die die Harvard-University wie eine Jugendherberge wirkt. Es ist Samstag, keine Schule und alles wie ausgestorben. Sehr positiv berührt mich, dass der Orkan nachgelassen hat und nur wenig Regen von oben kommt. Negativ verläuft die Suche nach den Fussballkollegen des Sohns. Totale Fehlanzeige! Also rufe ich den Trainer, der sich in irgendeiner Turnhalle versteckt hält, auf dem Handy nochmal an. „Beim Bahngleis, da ist ein Schwimmbad.“ Gut, nichts wie hingetrabt. Das Schwimmbad wird gefunden. Überall hatte es in dem Geviert Turnhallen, hier aber beim Schwimmbad ist turnhallenfeie Zone. Mir krampft sich vor Wut der Magen zusammen und Sohn Lennie grinst sowieso schon die ganze Zeit. Nochmal den Sporttypen angerufen. „Ja, ich stelle mich auf die Straße, fahren Sie zur Stadthalle, diesem Einkaufzentrum.“

Das wird dann getan, und da steht er auf der anderen Seite in einem Himalaya-Anorak, denn es hat zu hageln begonnen. Ich will reflexartig das Fenster runterlassen, aber, wie erwähnt, es ist kaputt. Also raus aus der Scheißkarre, aber die Türe klemmt. Der Dicke muss rüberkrabbeln und sich über den Beifahrersitz quetschen. Der Fuß bleibt am Schalthebel hängen. Ich japse. Die Kiste ist nun im Leerlauf und setzt sich in Bewegung. Mit einem Fallrückzieher schleudere ich mich um mich selbst und reiße die Handbremse hoch. Der Fußballtrainer denkt sicher, dass ich im völlig beschlagenen Auto, quasi in Nebeldämpfen, mit so etwas wie riesigen Wasserschlangen kämpfe. Mein Dauerwutanfall lässt mich unvermittelt an das seinerzeit berühmte HB-Männchen denken. Ich strauchele aus dem uralten VW-Sharan (immerhin 233.000 km) und plumpse auf den Gehweg. „Welcome in Nellingen“. Jetzt hagelt es, schlagwettert, als würden Millionen von Pfeile auf mich abgeschossen. Ich rapple mich auf, eiere ums Auto und komme mir vor, als würde eine Wagenladung Flusskiesel über mich abgekübelt. Die Haare sind weiß vom Hagel und wie ein Schneebrett rutscht mir der ganze Matsch das Genick und dann den Rücken runter. Ich schaffe es, meinen Sohn nicht zu verfluchen. Er ist schon losgerannt, zwischen Büschen hindurch zur einzigen Turnhalle, die wir nicht gefilzt hatten. Ich reiße mich kurz zusammen, denn der Trainer kann ja nichts dafür. Aber das verdammte Nellingen, es sei verflucht, der Fußball sei verflucht und überhaupt das ganze Ortschaftengeschwür „Ostfildern“, ich möchte es exekutieren.

Jetzt aber endlich tanken. Der Saft wird doch hoffentlich noch reichen. Ich entdecke ein Schild in Richtung Stuttgart. Es ist eine veritable Ausfallstraße. Da wird doch „Herrgottzack“ endlich eine Tankstelle kommen. Nix da, ich fahre und fahre, und es kommt keine. „Ja, ihr Scheißnellinger, fahrt ihr alle mit Heizöl, oder was?“ Doch siehe da, der Graupelschauer lässt nach. Immerhin. Und ich sehe das Blau einer Araltankstelle  - mit ähnlich beglückenden Gefühlen, wie man womöglich zum ersten Mal die Côte Azur erblickt. Alles wird gut.

Ich bin unter dem Dach der Riesentankstelle, als der Orkan wieder einsetzt und sich nicht von oben auskotzt, sondern horizontal in die Zapfsäulen brettert. Ich mittendrin. Jetzt ist mir richtig zum Heulen zumute. Mir droht der Zusammenbruch. Der Tankdeckel geht nicht auf, weil ich gar nicht weiß, wie man das an einem ausgeleierten Sharan anstellt. Diese Familienkutsche hat so viele Kindersicherungen, dass sich die Hotline zu einem Ingenieur empfiehlt. Ich gebe aber nicht kampflos auf, bin verzweifelt, und Verzweifelte sind gefährlich. Ich mach‘ von meinem Schlüsselbund das Taschenmesser los und knacke damit den idiotischen Tankdeckel. Ich bin klatschnass, mein Fließpullover ist vollgesogen wie das Donaumoos. Gegenüber sehe ich die Reklame der Volksbank - ebenfalls in Aralblau und schön eingerahmt. Perfekt geschminkt steht der Dreisternekoch Wohlfahrt in einer Superküche und hat Tipps der Bank im Angebot, wie der Loser seine letzten Kröten nicht erst nach Liechtenstein schaffen muss, sondern gleich vor Ort versenken kann. Irgendwie wird vor der Abgeltungssteuer gewarnt. Herzallerliebst guckt der Kollege. Mir schiebt sich - auch wegen des aufgestemmten Tankdeckels -  die letzte komische Werbeaktion der ländlichen Genossenschaftsbank vors innere Auge, der Holzweg-Hinweis: „Wir machen den Weg frei“. (Ich kenne einen, der hat das alles geglaubt und sich ‚ne Harley gekauft. Er wurde dann aber von der Polizei umgeleitet, geradewegs in den Knast, weil er sich die Scheine fürs Bike in einer Bank geholt hatte, bei der er kein Konto besaß.)

Egal, ich habe andere Probleme, bin auf der Autobahn nach Stuttgart und will noch schnell in Echterdingen beim Heimwerker-OBI vorbei. Die Sicht ist immer noch u-bootähnlich, und mein Hirnkasten von der Aufregung so zusammengeschreddert, dass ich den Schildern einen geringfügigen Unterschied nicht entnehme. Fatal! Ich habe nicht die richtige Ausfahrt geschafft, sondern die von L.E.-Echterdingen. Zefix nochamol! L.A., also Los Angeles ist nicht die Partnerstadt von Echterdingen, sondern bedeutet Leinfelden. Ich bin also nicht ins Echterdinger Industriegebiet eingedrungen, sondern wieder in einer Ortschaften-Verwaltungs-One-Family-Houses-Desert gestrandet. Okay, cool bleiben und bei der nächsten Ausfahrt wieder zurück und dann zum Baumarkt, dessen monumentale Werbeschrift mich seit einer halben Stunden weithin sichtbar verhöhnt. Ich fahre wieder retour auf einer herrlich geschwungenen Ausfahrt, zweispurig, was der Zweideutigkeit allerdings auch eine Chance gibt. Perfekte Konstruktion. Sie animiert mich zum Vollgasfahren. Mist! Ich hatte zwei Möglichkeiten, und eine davon wäre richtig gewesen. Ich bin erneut auf „Mondfahrt“ und rattere auf den Flughafen zu. Eine halsbrecherische Hundertachtzig-Grad Pirouette zwingt die anderen Verkehrsteilnehmer, für mich zu stoppen. Ich grüße dankend und sehe nur noch offene Mäuler. Ah, war nicht korrekt, aber ich bin schon weg. Tja, und endlich bewege ich mich auf dem richtigen Weg zum OBI-Baumarkt. Es sind viele Fahrspuren. Keine lässt mich jedoch links abbiegen. Mamma mia, ich muss aber links weg. Es muss sein, aber ich darf nicht. Auch wenn die Karre alt ist, die Betonabtrennung zur gegenüberliegenden Trasse würde die Kiste nicht überleben. Ich sicher auch nicht, obwohl ich meine Unzerstörbarkeit schon oft nachgewiesen habe. Also gut, in Gottes Namen stoisch weiter, beim Möhringer Musical raus und über die Brücke auf die andere Seite der Schnellstraße. Zu guter Letzt habe ich die richtige Einfallschneise zum Baumarkt.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich finde direkt vor dem Eingang der Baumarkthölle einen Parkplatz, steige aus, und der Sturm bricht wieder los. Ein Graupelinferno knattert auf meinen Kopf. Ich spurte, so gut ich kann. Dann bin ich drin. Mit den Händen will ich mein Haar ordnen, will es glattstreichen, aber das geht nicht. Die verflixten Graupel haften wie eine Kappe auf meiner Birne, sind ganz und gar mit meinem Resthaar verfilzt. Zackradie! Ich stürme mit Tunnelblick durch die vielen Hobbyköche. Freizeitsmutjes und Heimwerker haben dieselben Gene, sind sozusagen meist „two in one“ und sehen oft auch aus wie die an den Verkehrsknoten stehenden Ölfässer, auf denen steht: „Ich bin zwei Tanks“. Die Leute sind aber alle nett, na ja, gucken etwas erstaunt wegen meines Triefkopfs, aus dem die Graupel krümeln, als verlöre ich mein Hirn. Es schlägt mir Wohlwollen entgegen. Hier ist mein ganzer Fanclub beisammen. Ich gerate fast wieder in Panik, grüße aber selbstbeherrscht und weiß, was die Typen denken: „Ha, der Vincent, einer von uns!“

Wenig später fällt eine sauschwere Küchentischplatte auf meinen Oberschenkel, und ich gehe fast k.o.. Gottseidank ist niemand in dem verlassenen Gang des Hartholzplattenangebots. Ich winde mich schmerzgeschüttelt an einer Regalstrebe, bis endlich die Raserei in meinem Bein erträglich wird und ich überhaupt wieder weiß, wo ich bin. Verschwommen rückt das Objekt meiner Begierde ins Visier. Ich greife mir eine geleimte Buchenplatte 1200x80 und humple zur Kasse wie beinamputiert. Den Oberschenkel muss ich steif halten, damit mich der Schmerz nicht auffrisst. Ich kann nur ab dem Knie die Waden abwinkeln und vorwärtsschlenkern, als sorge ein Blechscharnier für elastischen Gang. Ich denke: „Alle meinen jetzt, ich hätte ein Holzbein, irgendeine Kriegsverletzung.“ Jedenfalls sehe ich so alt aus, dass man mich gut und gerne als einen mit allen Übeln geschlagenen Kriegsteilnehmer durchgehen lassen könnte.

Scheißdrauf! Ich habe meine Platte, damit muss ich meinen Schreibsekretär updaten. Gestern, als ich mich auf dem selbstgebastelten Tisch abstützte, war auf ganzer Länge das überstehende Holz abgesplittert. Dass ich mir davon einen Holzspreißel in den Daumen gerammt habe, ist nicht weiter erwähnenswert: Köche und Indianer spüren ja bekanntlich keinen Schmerz.